Am 16. Juli 2026 berichtete der 90-jährige Holocaust-Überlebende Michael Bergmann am Gymnasium Geretsried von seinem Leben unter nationalsozialistischer Verfolgung. Als Kind wurde er in das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er von 1942 bis 1945 inhaftiert war.

© Sharon Victor Suárez
Den Anstoß für das Zeitzeugengespräch gaben die Schülerinnen und Schüler selbst: Sie hatten sich eine Begegnung mit einem Zeitzeugen gewünscht. Über den Elternbeirat gelangte diese Bitte an den Erinnerungsort BADEHAUS, der den Kontakt zu Bergmann herstellte und die Veranstaltung organisierte. Mehr als 300 Schülerinnen und Schüler der neunten, elften und zwölften Jahrgangsstufe sowie eine Seminargruppe angehender Lehrkräfte verfolgten gebannt das Gespräch.
Durch die Veranstaltung führte Rhiannon Moutafis, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Erinnerungsort BADEHAUS. Sie moderierte das Gespräch mit Bergmann, der 1936 in Karlsbad (heute Karlovy Vary, Tschechien) geboren wurde. Er schilderte seine Gefangenschaft in Theresienstadt und den Weg, der ihn 1951 in das jüdische Displaced-Persons-Lager Föhrenwald (heute Wolfratshauser Stadtteil Waldram) führte, sowie den Aufbau seines neuen Lebens in München.
Wie unmittelbar diese Erfahrungen bis heute wirken, machte Bergmann in seiner Schilderung der Appelle des Konzentrationslagers deutlich: „Im Ghetto Theresienstadt mussten selbst Kinder wie ich zu den Appellen antreten. Wir mussten mehrere Stunden dort stehen. Viele sind umgekippt. Ob vor Schwäche oder tot – das weiß ich nicht.“
Dann öffnete sich das Gespräch für Fragen aus dem Publikum. Zahlreiche Wortmeldungen zeugten vom großen Interesse der Jugendlichen. Sie fragten Michael Bergmann unter anderem, ob ihn die Erinnerung an seine Gefangenschaft im Alltag begleite und wie sich der Hunger im Lager von heutigen Hungergefühlen unterscheide? Ebenso richteten sie den Blick auf die Gegenwart: Wie er unsere Erinnerungskultur beurteile – und wie er, als Zeuge der Verfolgung, die aktuelle politische Lage und den wachsenden Antisemitismus einschätze?

© Sharon Victor Suárez
Zum Abschluss gab Michael Bergmann den Jugendlichen eine klare Botschaft mit auf den Weg: „Lebt in der Gegenwart und denkt an die Zukunft – aber vergesst die Vergangenheit niemals.“
Als offizieller Pate im Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ begleitet der Erinnerungsort BADEHAUS das Gymnasium Geretsried dabei, Zivilcourage zu fördern und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lebendig zu halten. Schulleiter Thomas Wendl würdigte die Veranstaltung: „Es war ein großartiges Beispiel und ein Auftakt unserer Kooperation ‚Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ – denn es war ein wahrlich couragierter Vortrag.“
Für den Erinnerungsort BADEHAUS ist seine Vermittlung solcher Begegnungen ein zentraler Beitrag zur politisch-historischen Bildung: Das unmittelbare Zeugnis von Überlebenden macht Geschichte greifbar und stärkt das demokratische Bewusstsein junger Menschen. Die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Geretsried reicht dabei über einzelne Veranstaltungen hinaus: regelmäßig kommen Schülerinnen und Schüler für Workshops und Führungen in das Waldramer Museum.
Der Erinnerungsort BADEHAUS dankt Michael Bergmann für seine Offenheit und dem Gymnasium Geretsried für das vertrauensvolle Zusammenwirken.

