Künstlerische Intervention von Susanne Hanus

Die Künstlerin ergänzt unsere Dauerausstellung vorübergehend mit drei Teilen einer künstlerischen Intervention. Zum vierten Mal wurde der sonst fertige Raum der Ausstellung um eine neue kreative Dimension ergänzt, die zur vertieften und persönlichen Auseinandersetzung einlädt.

Verstrickungen

Verstrickungen sind eine punktuelle Sichtbarmachung von Beziehungen, Abhängigkeiten, Verbindungen, Zusammenhänge, Kontinuitäten.

Dreidimensionale Zeichnungen an Haus, Laterne, im Föhrenhof sowie Heimatvertriebenen-Raum, 2024 wird seit 2000 fortgesetzt, alle früheren Verstrickungen müssen mitgedacht werden.

An jedem neuen Ort, der verstrickt, angebunden und sichtbar gemacht wird, erhält die Arbeit eine neue Bedeutung. Im Erinnerungsort BADEHAUS stehen die Verstrickungen zum Beispiel für viele Lebenswege, die sich hier durch die Verwerfungen der Geschichte getroffen haben und sich hier verknüpft und verbunden oder auch wieder getrennt haben. Sie stehen für eine lebendige Erinnerungskultur, die versucht zu entwirren und doch partiell verwirrt bleibt.

2011 hat eine Verstrickung vor dem Elternhaus meiner Großmutter in Czernowitz stattgefunden. In der gleichen Farbe wie damals, in Türkis, wird die Verstrickung im Raum der Heimatvertriebenen erneuert. Auch die Einflüsse, die Heimatvertriebene oder auch „Heim-ins-Reich-Geholte“ bis heute haben, vermitteln sich hier am und im BADEHAUS.

Drei weitere Verstrickungen verdeutlichen verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten:

In Tiflis, Georgien standen die Verstrickungen 2000 für einen demokratischen Dialog, plötzlich wurden künstlerische Interventionen im Stadtraum möglich und eine Verstrickung wurden von den Passanten gegen die Polizei verteidigt, trotz Menschentraube und erliegendem Verkehr.
Im Bundesverfassungsgericht Karlsruhe, 2001 provozierte die Verstrickung und hinterfragte Machtverhältnisse und eine faire Rechtsprechung.
Am Asylbewerberheim in Solothurn, Schweiz, 2012 symbolisierte die Verstrickung die weltweite Herkunft der Geflüchteten und z.B. unsere Beziehung zu den Fluchtgründen.


 

Reise nach Czernowitz

2008 machten Ernestine Hanus (Oma), Dietmar Hanus (Sohn) und Susanne Hanus (Enkelin) eine Drei-Generationen-Reise nach Czernowitz, an den Heimatort von Ernestine Hanus. 1940 wurden alle Deutschen von dort unter Hitler „heim ins Reich“ geholt. Die Tagebuchaufzeichnungen der Oma sind altrosa, die des Sohnes schwarz und die der Enkelin türkis. Die Reise fand geografisch umgekehrt zu den Umsiedlungs- und Ausweisungsbewegungen der Familie statt. Wichtige Reisestationen sind:

Görlitz (1947-1952)
Seidenberg /Zawidow/Polen (1942-1947)
Czernowitz /Cernivci/Ukraine (bis 1940)

Die Erzählung wirft ein Licht auf die Vergangenheit, das Reise geschehen 2008 und zeigt auch die Entwicklung der Ukraine nach der Unabhängigkeit. In Czernowitz suchen wir vor allem das Elternhaus von Oma, die frühere „Villa Ernestine“. Denn wie damals üblich, hätte sie das Haus als Lebensversicherung erben sollen, anstelle einer Berufsausbildung, die die Brüder erhalten hatten. Wir nehmen an der 600-Jahr-Feier von Czernowitz teil, bei dem die Hoffnung ausgedrückt wird, dass das K. und K. Monarchie-Erbe in eine EU-Mitgliedschaft münden möge.

 

Die Geschenke meiner Oma

Für meine Großmutter war Czernowitz, das sie 1940 verlassen musste, ihr Sehnsuchtsort. Vielleicht ist sie in der westlichen Gesellschaft niemals ganz angekommen. Und sicher war sie oft
einsam.

Installation im Rundbogenschaufenster, 2002

Wenn sie in Gedanken an ihre engsten Verwandten unterwegs war, konnte sie Zeit ihres Lebens an keinem Sonderangebot
vorübergehen. Das Enkelkind, das Künstlerin werden wollte, brauchte beispielsweise Stifte, Farben oder einen Abguss von der berühmten Denker-Skulptur von Rodin. Die Pakete meiner Oma erlangten in meiner WG Kultstatus, niemals durfte ich ein Paket alleine öffnen. Das gemeinsame
Auspacken war ein Fest! Geschenke verraten häufig mehr über den Schenkenden als über den Beschenkten.

 

Die Künstlerin

*1975 in Berlin, lebt und arbeitet in Penzberg

seit 2004 freischaffende Künstlerin

2004 Meisterschülerin bei Prof. Martin Honert an der HfBK Dresden

2002 Diplom bei Prof. Martin Honert an der HfBK Dresden

1996 – 2004 Studium der Bildenden Kunst an der HdK Berlin, der HfBK Dresden und der Glasgow School of Art

1994/ 95 Soziales Jahr in Nova Iguaçu/ Brasilien (Vorstadt v. Rio de Janeiro)

Susanne Hanus arbeitet häufig anlass- und ortsbezogen und mit verschiedenen Medien, besonders in den Techniken Holzschnitt, Zeichnung und Installation. Gemeinschaftsarbeiten und kuratorische Projekte in Künstler*innenteams gehören auch zu ihrer Kunstpraxis.

 

Fotos Copyright: Susanne Hanus, Heribert Riesenhuber und Justine Bittner.

  • 23. Mai 2024
  • Laufzeit: 5. Mai bis 10. November 2024
  • Besichtigung: zu den Öffnungszeiten des Museums
  • Ort: Dauerausstellung des Erinnerungsortes BADEHAUS