Erinnerung an einen großen Waldramer

Erinnerung hilft den Verlust und die Trauer weniger schmerzvoll zu machen. Erinnerungen bleiben.

Und Erinnerungen an Rudolf Baumgartl werden uns weiter begleiten, auch wenn er nicht mehr unter uns ist, nicht mehr in der letzten Kirchenbank sitzt, nicht mehr beim EDEKA einkaufen geht, nicht mehr am Badehaus vorbeispaziert und bei Veranstaltungen anwesend ist und – so war immer der Eindruck – sich freut, dass seine historische Vorarbeit nun einen würdigen Erinnerungsort gefunden hat.

Baumgartl Rudolf

Da sind die Erinnerungen…

… an den ersten Volksschullehrer in Waldram. Ein Foto in der Ausstellung des Erinnerungsortes BADEHAUS zeigt ihn mit seinen Schülerinnen und Schülern vor dem ersten Schulgebäude; begeisterte Kinder und ein begeisterter Lehrer.

… an den Musiker, den Dudelsackspieler und den Geiger – mitten unter tanzenden jungen Paaren spielt er versunken auf seiner Geige, die aus seiner Heimat, dem Sudetenland, stammt. Ein Großraumbild im Museum macht den Geiger und die Tänzer lebendig.

… an den Chorleiter- wer von den Waldramer*innen singen konnte, sang bei ihm im Kirchenchor. Als Kind fing man an und als Erwachsener war man immer noch dabei.

… und vor allem an den Geschichtskenner. Er war der Erste, der uns allen die besondere Geschichte von Föhrenwald/Waldram erzählt hat.

Erzählen war sein Metier. Ich erinnere mich an ein Interview, das wir mit ihm führten. Einige Fragen konnte ich stellen, aber sie waren nicht notwendig, Herr Baumgartl erzählte. Eineinhalb Stunden ließ er uns an seinem ereignisreichen Leben teilnehmen. Und er machte uns die Besonderheit der Geschichte von Föhrenwald/Waldram klar. Seine legendären Führungen durch Waldram waren nicht langweilige Gänge durch den Ort, sondern Erlebnisse, manchmal mit mehr als 50 Personen. Er sprach dann durch ein Megaphon, aber ungern, da seiner Meinung nach der persönliche Kontakt zu den Teilnehmer*innen verloren ging. Wie oft stand er vor meinem Haus und erzählte, dass hier eine jüdische Schule und eine Straße weiter, in der New York-street, ein Betstiebl war. Er zeigte uns den Platz, wo die ehemaligen Krankenhäuser standen und ging mit uns zur ehemaligen Synagoge am heutigen Seminarplatz. Und immer wusste er zur Geschichte der Gebäude Geschichten zu erzählen.

Wie oft haben wir ihn kontaktiert, weil wir ungeklärte Fragen zur Ortsgeschichte hatten, geduldig half er uns weiter, wies auf Materialien und Zeitzeugen hin und war doch selbst einer der wichtigsten Zeitzeugen, der uns seine wertvolle Zeit schenkte.

Auf ihn als Gegenüber müssen wir nun verzichten, aber nicht auf die Erinnerungen, die jeder von uns mit ihm verbindet. Es sind ganz persönliche Begegnungen, die uns bereichert und geprägt haben.
Der Erinnerungsort BADEHAUS verdankt Rudolf Baumgartl die historischen Grundlagen der Ortsgeschichte, einen ganz individuellen Blick auf die Geschichte unseres Ortes und viele Geschichten, die nun von anderen weitererzählt werden.

Wir bedanken uns bei ihm für sein lebenslanges Engagement, seine tiefe Verbundenheit mit dem Ort und seinen Bewohnern und sein Vertrauen in uns und unsere Arbeit.

Eva Greif im Namen der Erinnerungsortes BADEHAUS

 

Für sein vielfältiges Engagement ist Rudolf Baumgartl von der Stadt Wolfratshausen 2001 mit dem Kulturpreis und 2008 mit der Bürgermedaille ausgezeichnet worden. 2006 hat ihn der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen mit der Isar-Loisachmedaille ausgezeichnet.

Auf dem Foto: Rudolf Baumgartl 2019. Copyright: Justine Bittner.